Global Switch ist ein internationaler Betreiber großer Rechenzentren in Europa und Asien und schließt sich nun der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen an. Im Interview spricht Jens Leuchters, Managing Director Global Switch FM GmbH, darüber, warum Rechenzentren zur strategischen Standortinfrastruktur gehören und weshalb Deutschland für KI, Cloud und digitale Souveränität schnellere Genehmigungen, planbare Netzanschlüsse und wettbewerbsfähige Energiebedingungen braucht.
1. Welche Vorteile, aber auch Herausforderungen sehen Sie für den Digitalstandort Deutschland, insbesondere mit Blick auf den Ausbau leistungsfähiger Rechenzentrumsinfrastrukturen?
Deutschland verfügt über sehr gute Voraussetzungen, um ein führender Digitalstandort in Europa zu bleiben: eine starke industrielle Basis, zentrale Lage in Europa, hohe politische und rechtliche Stabilität sowie eine sehr hohe Nachfrage nach sicheren, leistungsfähigen und skalierbaren digitalen Infrastrukturen. Rechenzentren sind dabei ein zentraler Bestandteil der Wertschöpfungskette.
Gleichzeitig steht der Standort Deutschland vor erheblichen Herausforderungen. Der Ausbau digitaler Infrastrukturen benötigt langfristige Planungssicherheit, verfügbare Flächen, schnellere Genehmigungsverfahren, wettbewerbsfähige Stromkosten und vor allem ausreichende Netzanschlusskapazitäten. Gerade Rechenzentren sind auf eine stabile, leistungsfähige und nachhaltige Energieversorgung angewiesen.
Aus unserer Sicht muss digitale Infrastruktur deshalb noch stärker als strategische Standortinfrastruktur verstanden werden. So wie Energie-, Verkehrs- und Kommunikationsnetze die industrielle Entwicklung geprägt haben, bilden heute Rechenzentren und digitale Netze die Grundlage für wirtschaftliches Wachstum, Innovation und digitale Souveränität.
2. Global Switch ist über Jahre 25 Jahren mit einem Rechenzentrumscampus in Frankfurt vertreten. Welche Bedeutung hat der Standort Frankfurt für Ihr internationales Rechenzentrumsportfolio und wie hat sich die Nachfrage dort in den vergangenen Jahren verändert?
Frankfurt ist und bleibt für Global Switch ein strategisch äußerst wichtiger Standort innerhalb unseres internationalen Portfolios. Unser Campus liegt in unmittelbarer Nähe zu zentralen Kommunikationsinfrastrukturen, dem Finanzzentrum und ist Teil des DECIX Eco Systems. Global Switch betreibt weltweit Rechenzentren in zentralen digitalen Hub in Europa und Asien-Pazifik, darunter Amsterdam, Frankfurt, London, Madrid, Paris, Hongkong und Singapur.
Der Standort Frankfurt nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Die Stadt ist einer der wichtigsten europäischen Knotenpunkte für Konnektivität, Cloud-Anbindung und datenintensive Anwendungen. Unser Frankfurter Campus besteht aus Frankfurt North mit 12 MW und Frankfurt South mit 10 MW und bietet ein hohes Maß an Konnektivität sowie anpassungsfähige technische Flächen für unterschiedliche Leistungsdichten und Workloads.
In den vergangenen Jahren hat sich die Nachfrage deutlich verändert. Während klassische Colocation- und Connectivity-Anforderungen weiterhin relevant sind, sehen wir eine zunehmende Nachfrage nach skalierbaren, resilienten und energieeffizienten Kapazitäten für Cloud-, KI- und datenintensive Anwendungen. Kunden erwarten heute nicht nur sichere Flächen und Stromversorgung, sondern zunehmend integrierte Lösungen, die hohe Verfügbarkeit, flexible Leistungsdichten, Nachhaltigkeit und effiziente Konnektivität miteinander verbinden.
Frankfurt bleibt deshalb ein Schlüsselstandort für internationale Kunden, die in Deutschland und Europa digitale Dienste betreiben, Daten verarbeiten und geschäftskritische Anwendungen absichern wollen.
3. KI und High-Performance Computing verändern die Anforderungen an Rechenzentren deutlich, etwa bei Leistungsdichte, Kühlung und Energieversorgung. Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell und was braucht Deutschland, um bei der dafür notwendigen Infrastruktur international wettbewerbsfähig zu bleiben?
KI und High-Performance Computing verändern die Anforderungen an Rechenzentren grundlegend. Wir sehen eine stark steigende Nachfrage nach höheren Leistungsdichten, flexibleren Kühlkonzepten und einer noch robusteren Energieversorgung. Klassische IT-Lasten werden zunehmend durch rechenintensive Workloads ergänzt, die andere Anforderungen an Stromverteilung, Wärmeabfuhr, Redundanz und betriebliche Steuerung stellen.
Diese Entwicklung ist nicht nur ein technischer Trend, sondern eine Standortfrage. Wenn Deutschland bei KI, Cloud, Industrie 4.0 und datengetriebenen Geschäftsmodellen international wettbewerbsfähig bleiben will, braucht es die dafür passende physische Infrastruktur. Dazu gehören leistungsfähige Rechenzentren, stabile Stromnetze, beschleunigte Netzanschlüsse, wettbewerbsfähige Energiepreise und eine regulatorische Umgebung, die Investitionen ermöglicht, statt sie zu verlangsamen.
Deutschland ist bereits einer der größten Märkte für digitale Infrastruktur in Europa. Laut einer BMWK-Veröffentlichung verfügt Deutschland über mehr als 2.000 Rechenzentren und eine installierte IT-Leistung von über 2.700 MW; zugleich wird aufgrund von Digitalisierung, KI und wachsender Datennutzung ein weiterer deutlicher Kapazitätsanstieg erwartet.
Der entscheidende Punkt ist: KI findet nicht abstrakt „in der Cloud“ statt. Sie benötigt reale Infrastruktur, echte Flächen, Strom, Kühlung, Netzkapazitäten und hochqualifizierte Betriebsteams. Deutschland muss diese Grundlagen schaffen, wenn Wertschöpfung, Innovation und digitale Souveränität auch künftig in Europa stattfinden sollen.
4. Der Ausbau digitaler Infrastruktur und die Frage der Nachhaltigkeit müssen zunehmend zusammengedacht werden. Wo sehen Sie die größten Hebel, um steigenden Kapazitätsbedarf und Klimaziele miteinander zu verbinden?
Nachhaltigkeit und Wachstum digitaler Infrastruktur dürfen nicht als Gegensatz verstanden werden. Im Gegenteil: Moderne Rechenzentren sind ein wichtiger Teil einer effizienteren, digitaleren und nachhaltigeren Wirtschaft. Die Herausforderung besteht darin, steigende Nachfrage nach Rechenleistung mit Energieeffizienz, erneuerbarer Energieversorgung und intelligenter Nutzung vorhandener Ressourcen zu verbinden.
Die größten Hebel sehen wir in vier Bereichen:
Erstens in der weiteren Steigerung der Energieeffizienz. Moderne Rechenzentren müssen kontinuierlich in effiziente Kühltechnologien, intelligente Betriebsführung, optimierte Luftführung, Automatisierung und moderne Anlagenkonzepte investieren.
Zweitens in der Nutzung erneuerbarer Energien und langfristiger Energiepartnerschaften. Für Betreiber ist entscheidend, dass ausreichend erneuerbare Energie verfügbar, bezahlbar und planbar ist.
Drittens in der Nutzung von Abwärmepotenzialen dort, wo dies technisch, wirtschaftlich und infrastrukturell sinnvoll möglich ist. Dafür braucht es aber nicht nur Rechenzentren, sondern auch kommunale Wärmeplanung, geeignete Wärmenetze und Abnehmerstrukturen in räumlicher Nähe. Das deutsche Energieeffizienzgesetz adressiert unter anderem Energieeffizienz, Abwärme, erneuerbare Energien und Energie- oder Umweltmanagementsysteme für Rechenzentren.
Viertens braucht es eine stärkere Verzahnung von Stadtentwicklung, Energieplanung und digitaler Infrastruktur. Rechenzentren sollten frühzeitig in regionale Energie- und Infrastrukturkonzepte eingebunden werden. Nur so lassen sich Kapazitätsausbau, Klimaziele und Standortentwicklung sinnvoll zusammenbringen.
Unser Ziel muss sein, Deutschland als Standort für nachhaltige digitale Infrastruktur weiterzuentwickeln. Dafür braucht es ambitionierte, aber praxistaugliche Rahmenbedingungen, die Investitionen ermöglichen und gleichzeitig Effizienz, Transparenz und Klimaschutz fördern.
5. Global Switch ist neues Mitglied der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen. Warum haben Sie sich der Initiative angeschlossen und welche Themen möchten Sie gemeinsam mit den anderen Mitgliedern gegenüber Politik und Öffentlichkeit besonders voranbringen?
Wir haben uns der Allianz angeschlossen, weil digitale Infrastrukturen eine deutlich stärkere öffentliche und politische Aufmerksamkeit verdienen. Rechenzentren sind heute eine unverzichtbare Grundlage für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Sie ermöglichen digitale Dienstleistungen, Innovation, Forschung, KI, Cloud-Anwendungen, Finanztransaktionen, moderne Industrieprozesse und sichere Datenverarbeitung. Dennoch wird ihre Bedeutung häufig erst dann sichtbar, wenn digitale Dienste nicht verfügbar sind.
Die Allianz verfolgt das Ziel, die Rolle und Bedeutung von Betreibern digitaler Infrastruktur in Deutschland stärker sichtbar zu machen und politische Entscheidungen zum Digitalstandort Deutschland konstruktiv mitzugestalten. Genau diesen Ansatz unterstützen wir. Im Kooperationsvertrag wird die Allianz unter anderem als Initiative beschrieben, die das öffentliche Bewusstsein für Betreiber digitaler Infrastrukturen stärken und ihre Bedeutung als Arbeitgeber, Wachstumsmotor, Innovationstreiber und Garant digitaler Souveränität hervorheben möchte.
Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern möchten wir insbesondere fünf Themen voranbringen:
· die Anerkennung von Rechenzentren als strategische und kritische Standortinfrastruktur,
· schnellere und planbarere Genehmigungs- und Netzanschlussverfahren,
· wettbewerbsfähige und verlässliche Energiebedingungen,
· praxistaugliche Nachhaltigkeits- und Effizienzanforderungen,
· sowie ein besseres öffentliches Verständnis dafür, dass Digitalisierung ohne leistungsfähige physische Infrastruktur nicht funktionieren kann.
Für uns ist klar: Digitale Souveränität, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltige Transformation brauchen eine starke Infrastrukturgrundlage. Als Global Switch möchten wir unsere operative Erfahrung als internationaler Rechenzentrumsbetreiber und unsere langjährige Präsenz am Standort Frankfurt in diesen Dialog einbringen.
